MAZ berichtet über barrierefreien Leerstand der Wittstocker Gebäude- und Wohnungsverwaltung (GWV)

  • Aus den Mitgliedsunternehmen

MAZ berichtet über barrierefreien Leerstand der Wittstocker Gebäude- und Wohnungsverwaltung (GWV)

Die MAZ berichtete am 5. September 2018 über eigens ausgebaute behindertengerechte Wohnungen der Wittstocker Gebäude- und Wohnungsverwaltung (GWV), die aufgrund fehlender Nachfrage leer stehen. Sie sind auf dem normalen Wohnungsmark schwer vermietbar. Der Geschäftsführer der GWV, Hans-Jörg Löther, hat nun eine Idee, wie das Dilemma zu lösen wäre.

Angepasster Sitz und veränderte Lehne an der Toilette samt Meldeknopf für den Notfall. Tiefer angebrachte Waschbecken und Lichtschalter sowie insgesamt mehr Platz – dieses WC ist vor einigen Jahren modern und behindertengerecht eingerichtet worden. Es gibt nur einen kleinen Wermutstropfen: „Es wurde noch nie benutzt“, sagt Hans-Jörg Löther, Geschäftsführer der Wittstocker Gebäude- und Wohnungsverwaltung (GWV).
Die behindertengerechte Toilette in den eigenen Geschäftsräumen der GWV stehe exemplarisch für eine unbefriedigende Situation, wenn es um behindertengerechten Wohnraum im Wohnungsbestand der GWV geht. Denn Angebot und Nachfrage seien nur schwer aufeinander abzustimmen.

Das Problem: Der Bedarf ist nicht planbar. Wenn solche Wohnungen frei sind und zur Verfügung stehen, gebe es meist keine Nachfrage. Um zu verhindern, dass sie lange leer stehen, was betriebswirtschaftlich schlecht wäre, würden sie an Mieter ohne Behinderung vergeben. Das aber habe gleich mehrere Nachteile: Diese Mieter seien nicht wirklich glücklich mit ihrer Wohnung. Denn sie wurde ja eigentlich für Behinderte ausgestattet. „Was haben Sie sich denn dabei gedacht?“, bekomme die GWV dann bei Wohnungsbesichtigungen von potenziellen Interessenten zu hören. Wer wolle schon Griffe an den Wänden, zu tiefe Türklinken und Waschbecken oder auch eine „etwas andere“ Toilette. Folge: Diese teuer installierten Veränderungen seien zum Teil bereits wieder zurückgebaut worden, um die Wohnungen überhaupt vermieten zu können, so Löther. Nur eine von fünf Zudem stünde dadurch keine behindertengerechte Wohnung zur Verfügung, wenn sie tatsächlich einmal bedarfsgerecht benötigt würde. Von den fünf behindertengerecht ausgestatteten Wohnungen im rund 1500 Wohnungen umfassenden GWV-Bestand werde nur eine tatsächlich von einem behinderten Bewohner genutzt. Dieses offensichtliche Problem brachte Hans-Jörg Löther auf die Idee mit den Vorratswohnungen, wie er es nennt. Das Ganze könnte so funktionieren: Eine behindertengerechte Wohnung bleibt so lange leer, bis ein passender potenzieller Mieter kommt, der die baulichen Veränderungen wirklich benötigt. In der Wartezeit könne das Land die Nettokaltmiete übernehmen. Wenn irgendwann eine weitere fehlgenutzte behindertengerechte Wohnung frei wird, könnte ebenso verfahren werden. So wäre es langfristig möglich, Angebot und Bedarf in Einklang zu bringen, sagt Hans-Jörg Löther. Er sähe das als eine sehr sinnvolle Art der Förderung an, die für mehr Flexibilität sorgen würde.

Ob es eine solche aber je geben wird, ist äußerst fraglich. Dabei hatte Löther seine Idee sogar an die kürzlich zurückgetretene Sozialministerin Diana Golze (SPD) herangetragen, als sie im Juli 2017 Wittstock besuchte. Inzwischen bleibt das Sozialministerium aber allgemein. Auf die Anfrage, was die Behörde von Löthers Vorschlag hält, verweist das Ministerium lediglich auf die Fachstelle „Altern und Pflege im Quartier“ (Fapiq). Sie solle dazu beitragen, Initiativen und Akteure vor Ort bei der Entwicklung einer regionalspezifischen Infrastruktur zu unterstützen. Die Fapiq biete Beratung, Begleitung und Qualifizierung an und fördere den Erfahrungsaustausch zu guten Praxis-Beispielen, teilt Antje Baselau von der Fapiq-Projektleitung dazu mit.

Auch das Infrastrukturministerium bleibt skeptisch. Da das Land den Um- und Ausbau barrierefreier Wohnungen fördere, sei ein „systematisches Leerstehenlassen einzelner Wohnungen wirtschaftlich nicht vertretbar“, teilt Petra Dribbisch vom dortigen Pressereferat mit. Natürlich sei es möglich, dass einzelne Wohnungen in dieser Ausstattung zwischenzeitlich leer stehen. Erfahrungsgemäß seien barrierefreie Wohnungen aber eher zu knapp und aufgrund der demographischen Entwicklung stark nachgefragt. Es sei Aufgabe der Kommunen gemeinsam mit den Wohnungsunternehmen vor Ort Bedarfe zu ermitteln und ein entsprechendes Wohnungsangebot zu schaffen. Dabei unterstütze sie das Land. „Die Vermeidung von Leerständen liegt in der unternehmerischen Verantwortung des Wohnungseigentümers.“

Fazit:

Die Landesregierung priorisiert offenbar die Vermeidung von Leerstand gegenüber Löthers Modell der bedarfsgerechten Vermietung. Es bräuchte also eine von der Landesregierung akzeptierte Alternative zur Idee mit den Vorratswohnungen, um Fehlvermietungen künftig nicht nur zu vermeiden, sondern die bedarfsgerechte Wohnungsvergabe auch vom Land gefördert zu bekommen. So lange es eine solche nicht gibt, werden in Wittstock wohl auch weiterhin Mieter ohne Behinderung in behindertengerechte Wohnungen ziehen – und Behinderte womöglich keine auf sie zugeschnittene Wohnung finden.

 

Den Originalbericht finden Sie unter: http://www.maz-online.de/Lokales/Ostprignitz-Ruppin/Wittstock-Dosse/In-Wittstock-stehen-behindertengerechte-Wohnunge-leer

Enrico Thiel

T +49 (30) 89781 - 126
F +49 (30) 89781 - 4126

BBU-Mitgliedsunternehmen