Schülergenossenschaften: Was Hänschen nicht lernt…

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Dass selbst erarbeitetes Wissen wesentlich besser haftenbleibt als Fakten, die man fertig vorgesetzt bekommt und auswendig lernt, ist weithin bekannt. Dass diese Methode auch genutzt werden kann, um jungen Menschen die Prinzipien des genossenschaftlichen Handelns und Wirtschaftens näher zu bringen, ist noch nicht so weit verbreitet: Die Idee der Schülergenossenschaft.

Lernen durch Selbermachen, lautet die Devise bei allen von Schülern organisierten und geführten Unternehmen. Dabei geht es immer um das Erlernen grundlegender kaufmännischer Kenntnisse und das Verständnis für wirtschaftliche Zusammenhänge. Bei Schülerfirmen in der Rechtsform der Genossenschaft rücken zusätzlich die genossenschaftlichen Grundprinzipien Selbsthilfe, Selbstverantwortung und Selbstverwaltung ins Zentrum: In Schülergenossenschaften erfahren junge Menschen, was es heißt, sich selbst und anderen zu helfen, eigene Vorhaben zu verwalten und Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Sie erhalten vielseitige Einblicke in ein solidarisch und demokratisch organisiertes Unternehmensmodell.

Im Umgang mit echten Kunden und Lieferanten, mit echten Produkten und echtem Geld, üben die Schüler das Prinzip des soliden, nachhaltigen Wirtschaftens. Durch die genossenschaftliche Selbstverwaltung erleben sie demokratische Verfahren, lernen, Kompromisse zu finden und demokratisch getroffene Entscheidungen zu akzeptieren. Das Tragen von Verantwortung für die Gewinne und Verluste der Genossenschaft schärft das Bewusstsein für die Konsequenzen des eigenen Handelns und fördert die Fähigkeit, zukunftsorientiert zu planen und zu handeln.

Die partnerschaftliche Zusammenarbeit mit einer realen Wohnungsgenossenschaft, die die Schüler im Nehmen der praktischen Hürden des genossenschaftlichen Unternehmertums unterstützt, ist dabei fester Bestandteil des Modells. Die Ernsthaftigkeit wird durch die Eintragung in ein Schülergenossenschaftsregister und eine regelmäßige Genossenschaftsprüfung verstärkt.

Dieses Prinzip hat auch den BBU und das Genossenschaftsforum überzeugt: Nach ersten Überlegungen im Jahr 2011 luden beide Akteure im September 2012 anlässlich des Internationalen Jahrs der Genossenschaften zu einer Informationsveranstaltung ein, mit der sie die im BBU organisierten Wohnungsgenossenschaften anhand informativer Vorträge und praktischer Beispiele über die Idee der Schülergenossenschaften informierten. Dabei stellte der Verband auch seine Angebote für die Schülergenossenschaften vor: Die Beratung im Vorfeld der Genossenschaftsgründung, die BBU-Mustersatzung für Schülergenossenschaften, die genossenschaftliche Prüfung durch einen BBU-Wirtschaftsprüfer, den Eintrag in das beim Verband geführte Schülergenossenschaftsregister und nicht zuletzt Hilfe bei der Findung einer Partnergenossenschaft aus den Reihen des BBU.

Im Zuge der Veranstaltung entstand der Kontakt zwischen dem BBU und der einige Zeit zuvor gegründeten Schülergenossenschaft Nanofokus des Berliner Lette-Vereins. Fortan beriet der Verband die junge Genossenschaft  und unterstützte sie bei der Erarbeitung einer korrekten Satzung. Außerdem vermittelte der BBU der Nanofokus mit der Berliner DPF eG eine kompetente Partnergenossenschaft, die sie seither beispielsweise bei der ordnungsgemäßen Abwicklung der Buchhaltung unterstützt und ihr Einblicke in die Gremienarbeit gewährt.

Nach erfolgreicher Gründungsprüfung durch den BBU-Wirtschaftsprüfer Thomas Zimdars war es am 28. Februar 2014 schließlich soweit: Als erste Schülergenossenschaft konnte die Nanofokus eG in das beim BBU geführte Schülergenossenschaftsregister eingetragen werden.

„Mit unseren kostenlosen Beratungs- und Informationsangeboten wollen wir das Anliegen der Schülergenossenschaften unterstützen: Junge Leute unter möglichst realistischen Bedingungen an das solidarisch organisierte Unternehmertum heranzuführen“, so BBU-Vorstand Maren Kern. „Wir freuen uns, dass wir der Nanofokus die der Eintragung in unser Schülergenossenschaftsregister ein ‚Qualitätssiegel‘ verleihen konnten, und heißen sie herzlich in den Reihen des BBU willkommen!“

Neben der Nanofokus existieren in Berlin und im Land Brandenburg weitere Schülergenossenschaften oder befinden sich in der Gründung, die Partnergenossenschaften suchen. Wenn Sie Interesse an einer Zusammenarbeit mit einer Schülergenossenschaft haben, setzen Sie sich bitte mit der BBU-Genossenschaftsreferentin Sabine Degen in Verbindung. Wir stellen gern Kontakte zu Schülergenossenschaften in Ihrer Region her.

Im Gespräch

„Die Genossenschaft vermittelt eine Gemeinschaft“

Am 28. Februar 2014 wurde die Nanofokus eG des Berliner Lette - Vereins als erste Schülergenossenschaft in das Schülergenossenschaftsregister des BBU eingetragen. Welche Hürden dabei zu nehmen waren und warum es sinnvoll ist, sich in und für eine Schülergenossenschaft zu engagieren, darüber sprachen die BBU-Nachrichten mit Jan Blanke, Aufsichtsratsmitglied der Nanofokus eG, und Andreas Böhm, Vorstandsmitglied der Wohnungsbaugenossenschaft DPF eG, die die Nanofokus als Partnergenossenschaft unterstützt.

Herr Blanke, zunächst mal herzlichen Glückwunsch: Sie sind die erste eingetragene Schülergenossenschaft Berlin-Brandenburgs!

Vielen Dank! Wir freuen uns auch sehr, dass wir dieses Ziel erreicht haben.

Wie kommen Schüler auf die Idee, eine Genossenschaft zu gründen? Erzählen Sie uns ein bisschen über die Entstehung Ihrer Genossenschaft und was sie genau macht!

Ich kann an dieser Stelle nicht so wirklich aus der eigenen Erfahrung berichten, da ich zum Zeitpunkt der Gründung noch gar kein Schüler des Lette - Vereins war, aber natürlich habe ich oft die Berichte von Gründungsmitgliedern wie z.B. Jörg oder Caroline gehört. Im Unterricht wurde über verschiedene Unternehmensformen gesprochen, über deren Vor- und Nachteile und natürlich auch über Firmenbeispiele. Diese, z.B. Siemens AG oder Berliner Volksbank eG sind aber so groß, so weit weg von uns Schülern, dass wir das gar nicht richtig greifen bzw. begreifen können. Also warf jemand die Frage in den Raum, wer eigentlich so eine Genossenschaft gründen könnte, was man dafür braucht und ob man das nicht einmal ausprobieren könnte? Frau Herrmann hat das dann in andere Klassen getragen und so fand sich eine Gruppe von acht Schülern, die die Gründung ca. ein halbes Jahr vorbereitet haben.

Wir haben angefangen mit Postkarten von Fotografien, die wir in der Metallografie herstellen, mittlerweile gibt es auch Klappkarten, Buttons (auch mit Motiven aus der Biologie) und Plakate, die wir auch als eine Art Wanderausstellung verleihen möchten.

Wie funktioniert das unternehmerische Handeln denn praktisch? Wie werben Sie Ihre Mitglieder? Werden die Mitglieder dafür vom Unterricht freigestellt oder arbeiten alle ausschließlich in ihrer Freizeit für das Unternehmen?

Vom Unterricht werden wir nicht freigestellt, d.h. bei uns finden alle Aktivitäten in der Freizeit statt. Das ist aber für uns aber auch soweit in Ordnung. Ich denke, uns alle treibt vor allem der Gedanke an, „unsere“ Genossenschaft gemeinsam zu stärken und weiter aufzubauen. Dabei die Fortschritte zu sehen, die man gemacht hat, und zu wissen, welche Hürden man genommen hat, ist ein Gefühl, das wir dann auch gern in der Freizeit teilen. Das unternehmerische Handeln zeigt sich zum Beispiel, wenn wir wie gerade eine Veranstaltung planen und organisieren. Da werden Sponsoren angeschrieben, Angebote eingeholt und verglichen, Bestellungen aufgegeben, Rechnungen geschrieben und Zahlungsein- und -ausgänge ordnungsgemäß verbucht.

Unsere Mitglieder werben wir direkt über unsere Schule. Das ist am einfachsten und effektivsten. Beispielsweise wird neuen Schülern schon am ersten Tag die Nanofokus kurz vorgestellt, sodass diese schon einmal von uns gehört haben. Weiter sind wir oft an schulischen Veranstaltungen oder Vorstellungen präsent, sodass wir uns auch da den Schülern vorstellen. Aber letztlich funktioniert die gute alte Mundpropaganda noch am besten. Und natürlich hat uns auch die Informationsveranstaltung mit Frau Degen vom BBU und Herrn Beyer von der DPF in diesem Jahr in unserer Caféteria  noch einmal Nachwuchs beschert.

Herr Böhm, warum hat sich die DPF entschieden, die Nanofokus als Partnergenossenschaft zu unterstützen und vor allem: Was haben Sie davon?

Bereits im September 2012 wurde die DPF durch den BBU und das Genossenschaftsforum auf das Modell der Zusammenarbeit mit einer Schülergenossenschaft aufmerksam gemacht. Wenn junge Menschen sich damit beschäftigen, wie Genossenschaften funktionieren, ist das grundsätzlich in unserem Sinne und deshalb unterstützungswürdig. Es ist eine Möglichkeit, Heranwachsenden, die vielleicht in absehbarer Zeit eine eigene Wohnung suchen oder ein Konto eröffnen wollen, die Vorteile der Rechtsform eG näher zu bringen. Wenn die gewonnenen Erkenntnisse dann dazu beitragen, sich bewusst für eine Wohnungs- oder Kreditgenossenschaft zu entscheiden, ist das "Ziel erreicht". Vor diesem Hintergrund ist es zu begrüßen, dass auch eine große Kreditgenossenschaft wie die Berliner Volksbank das Projekt Nanofokus unterstützt.

Das heißt, sie würden eine solche Zusammenarbeit auch anderen Wohnungsgenossenschaften empfehlen?

Ja, in Zusammenarbeit mit dem Genossenschaftsforum und dem BBU würde ich es empfehlen.

Wie sieht Ihre Unterstützung denn praktisch aus?

Zwischen der Nanofokus und der DPF besteht ein Kooperationsvertrag, der alles Wesentliche regelt. Ein Mitarbeiter der DPF-Geschäftsstelle steht der Nanofokus als Ansprechpartner in nahezu allen Fragen zur Verfügung. In den letzten Monaten wurde beispielsweise intensiv an der Organisation der Buchführung gearbeitet. Dies war für die erfolgreich bestandene Gründungsprüfung durch den BBU von besonderer Wichtigkeit. Darüber hinaus besuchen die Organe der Nanofokus zahlreiche Veranstaltungen der DPF. Bereits im vergangenen Jahr nahmen der Vorstand und der Aufsichtsrat der Nanofokus an der gemeinsamen Sitzung des DPF-Aufsichtsrates und des Vorstandes teil, die das Ergebnis des BBU-Berichtes der gesetzlichen Prüfung des Jahresabschlusses 2012 behandelte. Der DPF-Aufsichtsrat hat der Nanofokus an Schluss der Sitzung die Gelegenheit eingeräumt, Fragen zu stellen und diese beantwortet. Daran anschließend nahm die Nanofokus an der ordentlichen DPF-Vertreterversammlung 2013 teil, so dass Aspekte der Kontrollpflichten eines Aufsichtsrates, der gesetzlichen Prüfung und der demokratischen Willensbildung in einer eG live miterlebt werden konnten. Hier gewonnene Erfahrungen wandten der Vorstand und der Aufsichtsrat der Nanofokus schon in den nächsten Sitzungen an.

Herr Blanke, warum haben die Gründungsmitglieder gerade die Rechtsform der Genossenschaft gewählt – was ist das Besondere daran?

Uns als Schülern war wichtig, dass jeder gleichberechtigt sein soll auch unabhängig von finanziellen Mitteln bzw. Anteilen an der Firma. Zudem sollte es nicht den einen „Chef“ geben, der allein entscheidet. Die Genossenschaft vermittelt auch eine Gemeinschaft und Fürsorge für die Firma und ihre Mitglieder. Ich denke, das ist auch zu spüren. Jeder/ Jede, unabhängig von der Berufsgruppe oder Vorbildung bringt sich mit seinen/ihren Stärken ein. Die Schülergenossenschaft verbindet auch Berufsgruppen, die in der Vergangenheit im Lette -Verein nicht unbedingt etwas miteinander zu tun hatten oder an gemeinsamen Projekten gearbeitet haben. Durch die Schülergenossenschaft kommen wir viel mehr miteinander ins Gespräch.

Und das funktioniert in der Praxis gut?

Sehr gut! Entscheidungen werden gemeinsam getroffen und jeder hat das Gefühl „ein Teil“ von Nanofokus zu sein und bringt sich somit auch mit mehr Enthusiasmus ein. Ich denke das macht die Sache noch ein wenig realistischer.

Herr Böhm, wie schätzen Sie das Geschäftsmodell der Nanofokus ein – hat das eine Zukunft?

Schüler, die wirtschaftliche Zusammenhänge verstehen und durch eigenes handeln erleben möchten. Sie sind bei ihren Recherchen im Unterricht neugierig auf das „Modell Genossenschaft‟ geworden. Ich denke, die Nanofokus wird – wie im realen Wirtschaftsleben ihr Geschäftsmodell weiterentwickeln müssen, um damit auch künftig wirtschaftlich erfolgreich zu sein. Wie in allen Unternehmen wird der weitere Erfolg meines Erachtens ganz wesentlich von dem Engagement der handelnden Personen der Nanofokus abhängig sein....

In diesem Sinne: Vielen Dank an Sie beide für das Gespräch und viel Erfolg für die Zukunft!

Informationsveranstaltung mit Sabine Degen vom BBU und Herrn Beyer von der DPF in der Caféteria der Nanofokus (Foto: Frank Sandmann, Lette-Verein)


INFOBOX: Die Nanofokus eG

Wie funktioniert Wirtschaft? Diese Frage im Sozialkundeunterricht des Berufsausbildungszentrums Lette-Verein stand am Anfang der ersten eingetragenen Schülergenossenschaft Berlin. Die Schüler aus den Bereichen Metallographie, Chemie-Biologie, Elektronik und Grafikdesign wollten es genauer wissen und entwickelten mit ihrer Lehrerin Ines Herrmann die Idee einer Schülerfirma. Am 31. Oktober 2011 schließlich gründeten die Schüler ihre Genossenschaft und gaben ihr den Namen Nanofokus. Sie wird getragen vom Förderverein Clara-von-Simson-Gesellschaft e.V., der ihr auch ein Darlehen zur Startfinanzierung gewährte. „Ich möchte wirtschaftliche Prozesse durch eigenes Gestalten und Erleben verstehen und dabei unsere Ausbildungsrichtungen in der Öffentlichkeit bekannter machen“, sagt Jörg Müller-Zimmermann, Gründungsmitglied der Genossenschaft Nanofokus.

Während der Ausbildung im Lette-Verein entstehen technische Fotografien, die nicht nur Fachleute faszinieren. Die Genossenschaft verleiht diese als Ausstellung und produziert und verkauft die Motive als (Glückwunsch-) Karten. Eine besondere Herausforderung stellen sich die mittlerweile 83 Genossenschaftsmitglieder in diesem Jahr zum ersten Mal: Der Organisation der Abschlussveranstaltung der Abteilung Foto-Grafik-Mode am 20. Juni im EPILOG 2014 am 20.06.2014 in den Industriehallen des "Schindler Campus" (Ringstraße 54, Berlin Tempelhof).

Nähere Informationen über die Angebote der Nanofokus sind erhältlich via Internet:

www.nanofokus.net | info@nanofokus.net

 

Ansprechpersonen

 Kerstin Braun
Kerstin
Braun
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