ERSTE BEVÖLKERUNGSSTUDIE ÜBER BERLIN LIEFERT DATEN ZU DEN LEBENSWELTEN DER BERLINER

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In Berlin prallen Gegensätze aufeinander: Arm und reich, West und Ost, einheimisch und eingewandert. Wie ist es im Jahr 2008 um die innere Einheit in der Hauptstadt bestellt? Welches Bild haben die Berliner von ihrer Stadt? Diesen Fragen geht die gemeinnützige Hertie-Stiftung in einer groß angelegten Studie nach, für die 2.000 Berliner ab 14 Jahren befragt wurden. Für die "Hertie Berlin-Studie 2009" wurde unter der Leitung des Sozialwissenschaftlers Klaus Hurrelmann und des Politologen Michael Zürn in Kooperation mit dem Stadtforscher Hartmut Häußermann die Bevölkerung der deutschen Hauptstadt nach ihrer Lebenslage und ihrem Lebensgefühl befragt, TNS Infratest Sozialforschung hat die Daten erhoben und ausgewertet.Weltweit gewinnen Metropolen immer mehr an Bedeutung. Hier verdichten sich Probleme, hier ist aber auch das Reformpotenzial besonders groß. Berlin nimmt innerhalb Deutschlands eine Sonderstellung ein, nicht nur wegen seiner Größe und Funktion als Hauptstadt, sondern auch wegen der Dynamik, die die Stadt seit dem Fall der Mauer erlebt. Kann die Stadt die große Integrationsleistung erbringen, die erforderlich ist, um die zunehmende Heterogenität seiner Bevölkerung zu bündeln und ein Auseinanderfallen der Stadtgemeinschaft zu verhindern? Dies ist die Leitfrage der Hertie-Berlin-Studie. Ziel war es, ein Bild von den Einstellungen, Wünschen und sozialen Lebensbedingungen der Berliner zu zeichnen und unterschiedliche Lebenswelten zu identifizieren.Die wichtigsten Ergebnisse der Hertie-Berlin-StudieDie Berliner gehen hart mit ihrer Stadt ins Gericht…Berlin ist in den Augen seiner Bewohner eine wirtschaftlich arme Großstadt mit großen Gegensätzen zwischen besonders verarmten und wohlhabenden Schichten. Die Berliner sind sich der Haushaltsmisere ihrer Stadt mit allen Konsequenzen bewusst. Als besonders belastend empfinden sie die Arbeitslosigkeit – 83 Prozent sehen hierin ein großes oder sogar sehr großes Problem – gefolgt von steigenden Preisen (77 %) und zunehmender Armut (69 %). Kriminalität und Gewalt (55 %) werden zwar nicht als größte, aber dennoch erkennbar als Probleme empfunden. "Zu viele Ausländer" (34 %) und "Intoleranz und Ausgrenzung" (30 %) stehen hingegen am Ende der Problemskala.… und sind doch die größten Fans ihrer StadtBerlin bietet seinen Bewohnern zahlreiche Nischen, Szenen und Kieze, die für ein Gefühl von nachbarschaftlicher Nähe sorgen, ohne eine dörfliche Enge zu erzeugen. Berlin bietet das Lokale und Internationale zugleich. Entsprechend sind die Eigenschaften, die die Berliner ihrer Stadt zuordnen: "International und weltoffen" sagen 94 bzw. 93 Prozent der Befragten, "lebensfreudig und selbstbewusst" empfinden 87 bzw. 86 Prozent ihre Stadt – aber über die Hälfte der Berliner charakterisieren die Hauptstadt als "gemütlich" (63 %) und "überschaubar" (57 %). Insgesamt sind die Berliner mit ihrer Stadt sehr zufrieden. 89 Prozent leben gern in Berlin, 54 Prozent sogar sehr gern. Kurz: Die meisten Berliner haben eine hohe emotionale Bindung an ihre Stadt – in Ost- und West-Berlin sowie bei Einheimischen und Zugewanderten gleichermaßen. Offenbar gelingt es Berlin trotz der zunehmenden wirtschaftlichen Ungleichheit und der Vielfalt der sozialen Lebenswelten, für seine Einwohner ein identitätsstiftendes Gemeinwesen zu sein.Die "Mauer in den Köpfen" existiert immer noch…Nach dem Verhältnis der Menschen im Ost- und Westteil Berlins befragt, geben 45 Prozent an, man habe zwar nichts gegeneinander, aber auch nicht viel miteinander zu tun. 16 Prozent meinen sogar, man wolle möglichst wenig miteinander zu tun haben, und nur 14 Prozent sagen, man interessiere sich füreinander, bewege sich aktiv aufeinander zu. Ein Viertel sieht keine wesentlichen Unterschiede zwischen Ost und West.… aber die innere Einheit ist vollzogenOb es um Wertorientierungen, die Beurteilung der eigenen Lebensbedingungen oder die Einschätzung der Berliner Problemlagen geht – die Unterschiede zwischen Ost und West sind verschwindend gering. West- und Ost-Berliner treffen sich in ihrer hohen Zufriedenheit mit Berlin und einem insgesamt positiven Lebensgefühl und sie legen auch die gleichen Maßstäbe an das Leben an: Ein gutes Familienleben, eine vertrauensvolle Partnerschaft und gute Kontakte zu Anderen stehen an der Spitze der Wertordnung, Politik und Machtstreben dagegen am Ende. Einhaltung von gesellschaftlichen Spielregeln, Freude am Leben und ihre Individualität sind ihnen gleichermaßen wichtig, das Streben nach materiellem Wohlstand ist dem nachgeordnet. Auch wenn die Mehrheit der Berliner es noch nicht wahrhaben will – die innere Einheit ist erreicht.Berlin ist nicht Deutschlands Hauptstadt der Migranten...Nach der Hertie-Studie haben 23 Prozent der Berliner ab 14 Jahren einen Migrationshintergrund. Vergleicht man diese Zahl mit anderen Großstädten, dann liegen z.B. Stuttgart (40 %), Frankfurt am Main (39,5 %) oder Nürnberg (37 %) weit darüber. Damit wird das häufig bemühte Bild der Multikulti-Stadt zumindest für das gesamte Berlin zurechtgerückt. Allerdings erreichen die Innenstadtbezirke Berlins durchaus ähnliche Anteile (Mitte 44 %), Neukölln (38,5 %), Kreuzberg-Friedrichshain (36,5 %). 40 Prozent der Migranten stammen dabei aus der Türkei, der arabischen Welt, Asien oder Afrika, ein Drittel aus Russland, Osteuropa und dem ehemaligen Jugoslawien, 27 Prozent schließlich sind westeuropäischer, amerikanischer oder australischer Herkunft....und man kommt gut miteinander ausNach eigenen Angaben pflegen 80 Prozent der Deutschen und 97 Prozent der Migranten Kontakte zur jeweils anderen Bevölkerungsgruppe. Insgesamt geben sie sich dabei "gute Noten": 61 Prozent der Deutschen und 77 Prozent der Migranten bewerten ihre Kontakte untereinander als positiv. In Berlin ist häufig von "Problemvierteln" die Rede, die sich – fast ausschließlich von Ausländern bewohnt – zu abgeschotteten Parallelwelten entwickeln. Umso erstaunlicher sind die Umfrageergebnisse: Die Mehrheit der Deutschen (54 %) wie der Migranten (86 %) berichtet von regelmäßigen Kontakten untereinander. Sie ergeben sich aus Sicht der Migranten am häufigsten in der Nachbarschaft (67 %), aus Sicht der einheimischen Deutschen im persönlichen Bekanntenkreis (45 %).Die deutsche Hauptstadt: Höchste Hartz IV-Quote DeutschlandsNach der Hertie-Berlin-Studie erhalten 19 Prozent der Berliner ab 14 Jahren Hartz-IV-Leistungen, Grundsicherung bzw. Sozialhilfe oder leben mit einer Person zusammen, die entsprechende Leistungen bezieht. Das ist der höchste Wert aller deutschen Städte. Nur 42 Prozent der Berliner sind erwerbstätig und können von ihrem dadurch erzielten Einkommen leben. Ein Vorurteil über Millionenstädte lautet, dass die Menschen dort vereinsamten, zumal in schwieriger sozialer Lage. Die Hertie-Berlin-Studie widerlegt dies für die Hauptstadt. Auch in Berliner "Problemquartieren" gibt es zivilgesellschaftliche Strukturen und vielfältige Formen von "sozialem Kapital". Formen der gegenseitigen Unterstützung existieren sowohl in den Familien (71 %) wie in persönlichen Netzwerken (49 %), auch in Form von direkter Nachbarschaftshilfe (36 %). Über die Hälfte der Berliner (51 %) ist Mitglied in Vereinen, Organisationen, Gruppen oder Initiativen.Berlin: Sieben Lebenswelten – eine MetropoleDie Hertie-Berlin-Studie verortet die Heterogenität der Stadt anhand von sieben Lebenswelten. Die Kreativquartiere der "neuen Mitte" (vor allem Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg mit deren Randgebieten) haben einen hohen Zuzug durch Künstler und Kulturleute, Studenten und Einwanderer aus reicheren Ländern. Zwar materiell noch nicht so etabliert wie die Berliner Statusgebiete, herrschen hier eine besonders hohe Urbanität und die höchste Zufriedenheit mit der Stadt. Anders sieht es in der "proletarisch" verbliebenen westlichen Mitte mit ihren Migrationsquartieren aus, vor allem in Wedding, Teilen von Tiergarten und Neukölln/Innenstadt – Stadtteilen, die einen hohen Prozentsatz an Migranten, Arbeitslosen und Hartz IV-Empfängern haben. Hier ist Berlin wirklich arm, und man sieht es. Dennoch ist die Zufriedenheit vergleichsweise hoch. Eine ganz andere Lebenswelt ist die einstmals für die loyale DDR-Mittelschicht zum großen Teil auf der grünen Wiese erbaute Ost-Berliner Plattenbaukultur mit ihren Schwerpunkten in Lichtenberg, Hohenschönhausen, Marzahn und Hellersdorf. Bausubstanz und Außenanlagen sind zwar weitgehend renoviert. Dennoch gibt es vermehrt materielle Probleme, wenn auch nicht so ausgeprägt wie in den Migrationsquartieren. Junge Familien schätzen das günstige Preisniveau, auch wenn sie dafür auf Urbanität verzichten müssen. Osteuropäische Zuwanderer siedeln sich zunehmend an.Eher klassisch-kleinbürgerlich geprägt und relativ statushoch sind größere Ost-Berliner Gebiete in Pankow, Weißensee, Köpenick und Treptow – in der Hertie-Berlin-Studie als Grüner Ring Ost bezeichnet. Hier leben viele Alteingesessene, Selbstständige und Handwerker, gut verdienende Angestellte und gut situierte Rentner. Migranten gibt es kaum. Behagliches Wohlgefühl im Grünen kombiniert sich mit einer eher konservativen Mentalität. Das ebenfalls kleinbürgerlich geprägte Berlin Nord-West umfasst im Norden Berlins Reinickendorf und im Westen Spandau. Zwar gibt es auch hier statushohe grüne Siedlungen, es überwiegen jedoch die abstiegsgefährdete, bescheidener situierte Mittelschicht sowie aufstiegsorientierte Migranten. In Berlin Nord-West ist unter allen Lebenswelten die deutlichste emotionale Distanz zu Berlin zu erkennen. Berlin Süd (u. a. Schöneberg, Tempelhof, Friedenau, Steglitz, südlicher Bezirk Neukölln) ist die bevölkerungsreichste und dem Durchschnittsalter nach die älteste der Lebenswelten. Kleinbürgerlich geprägt, zeigen sich hier bei den Befragungen die wenigsten Auffälligkeiten – hier lebt gleichsam der behagliche Berliner Durchschnitt. Lebenslage und Lebensgefühl von Berlin Süd nähern sich in Richtung Westen den alten und neuen Bürgerlichen Statusgebieten Berlins in Charlottenburg, Wilmersdorf und Zehlendorf an. Diese Gebiete verbinden ein hohes Wohlstandsniveau mit liberal-konservativer Bürgerlichkeit und Weltoffenheit.Wie sind die Ergebnisse der Hertie-Berlin-Studie einzuordnen? Schafft die Stadt Berlin die Integrationsleistung? "Die Hertie-Berlin-Studie legt eine positive Antwort nahe", so Prof. Dr. Michael Zürn. "Berlin ist eine Stadt der durchlässigen Lebenswelten, die mosaikartig die Stadt zusammenführen. Es ist diese mosaikartige Grundstruktur der Stadt, die auch dafür Sorge trägt, dass die Migranten trotz erheblicher materieller Probleme alles in allem zufrieden und optimistisch gestimmt sind und sich nicht ausgeschlossen fühlen. Und es ist die Prägekraft dieser Grundstruktur der Stadt, die den alten Ost-West-Gegensatz in der Vielfalt der Milieus hat verschwinden lassen." Welche Potenziale lässt die Hertie-Berlin-Studie für die Zukunft Berlins erkennen? Prof. Dr. Klaus Hurrelmann: "Die objektive wirtschaftliche Lage ist schwierig, eine positive weitere Entwicklung ist nicht garantiert. Eine florierende Entwicklung der Stadt wird davon abhängen, ob die Silberstreifen am Horizont, also vor allem die Kreativwirtschaft und die damit zusammenhängende Kulturlandschaft in Berlin mit Geschick und Schwung weiterentwickelt werden können. Das verlangt viel Einfühlungsvermögen von der Stadtpolitik. Weil die Stimmung der Berliner gut ist, kann die Politik mit der Unterstützung der Bevölkerung rechnen, vor allem auch der zugewanderten Bevölkerung einschließlich der Ausländer. Diese letzte Gruppe der Bevölkerung als ein Kapital zu entdecken, das Berlin nicht nur weltoffen sondern auch leistungsfähig macht, das dürfte wohl die größte Herausforderung für die Stadtpolitik der nächsten Jahre sein."Die Hertie-Berlin-Studie ist im Verlag Hofmann und Campe (ISBN 978-3-455-50110-0) zum Preis von  16,95 Euro erhältlich.