Sieben Jahre lang mussten die Anwohner des Mehringplatzes in Kreuzberg auf die Rückkehr ihrer "Victoria" warten. Seit dem 29. April thront die Engelsstatue nun wieder in luftiger Höhe auf der Friedenssäule inmitten des Platzes und begrüßt alle Herannahenden schon von Weitem.
"Die Rückkehr des Engels ‚Victoria’ ist eine der wichtigsten Errungenschaft aus drei Jahren Zukunftswerkstatt, deren Ziel es ist, den Zusammenhalt im Kiez zu stärken und den Mehringplatz zu seinem früheren Glanz zu verhelfen", sagt Kerstin Kirsch, Geschäftsführerin der GEWOBAG MB Mieterberatungsgesellschaft. "Ich freue mich sehr, dass der Bezirk Kreuzberg, der viele Herausforderungen zu meistern hatte, nun seinen Engel zurück hat."Wie es sich für einen Engel gebührt, wurde Victoria mit einem bunten Kiezfest begrüßt. Bei herrlichstem Sonnenschein versammelten sich Anwohner und Interessierte auf dem Mehringplatz, um beim Einschweben des Engels dabei zu sein. Einer von ihnen ist Michael Göthen, der Victoria schon seit vielen Jahren kennt. "Ich bin hier aufgewachsen, müssen Sie wissen. Als der Engel abgebaut wurde, ist nicht weniger als das Wahrzeichen des Kiezes verschwunden. Die Statue gehört einfach hierher", sagt der 64-Jährige. Der "Engel", wie Victoria liebevoll von vielen Anwohnern genannt wird, ist für sie mehr als nur ein Relikt längst vergangener Zeiten. Das spürt auch Candy Hartmann vom Quartiersmanagement am Mehringplatz immer wieder: "Wöchentlich erhielten wir Anfragen von Anwohnern, wann der Engel denn wieder zurückkommt. Er ist für viele ein Identitätssymbol, etwas, was sie mit ihrem Kiez verbindet."Weil die Flügel der Bronzefigur durchgerostet waren, wurde Victoria 2006 aus Sicherheitsgründen abmontiert. Wegen der Sanierung der U-Bahn-Tunneldecke mussten auch der Brunnen sowie die Friedenssäule abgebaut werden. Nachdem der erste Bauabschnitt der Abdichtungsarbeit am Tunnel der U-Bahnlinie 6 durch die BVG abgeschlossen wurde, konnte im September 2013 mit den Arbeiten an der denkmalgeschützten Anlage begonnen werden. Auch Victoria wurde umfangreich restauriert – und konnte nun endlich an ihren Platz zurückkehren.Der Engel "Victoria" – 171 Jahre alt und 1800 Kilo schwerSeit 1843 thront die drei Meter hohe und 1800 Kilo schwere Victoria über dem Mehringplatz. Erschaffen wurde sie vom Bildhauer Christian Daniel Rauch, als Erinnerung an die Befreiungskriege von 1813 bis 1815. Damals hieß dieser Platz noch Belle-Alliance-Platz und war einer der drei schönsten Plätze Berlins. Dass der Mehringplatz zu seinem alten Antlitz zurückfindet, hofft auch Bezirksstadtrat Hans Panhoff (Bündnis 90/Die Grünen), der sich mit einer kleinen Rede an die Bürger wand: "Wir befinden uns hier an einem historischen Platz. Durch den Engel wird dies nun wieder sichtbar. Ich wünsche mir, dass der Mehringplatz ein beliebter Treffpunkt für alle Anwohner wird."Mit den Worten "Heb hoch!" gab Panhoff kurz nach 16 Uhr schließlich das Startsignal. Vorsichtig hob ein Schwerlastkran "Victoria" in die Höhe. Langsam schwebte der Engel in die Lüfte um sich schließlich in 19 Metern Höhe auf dem Säulenkapitel niederzulassen. Anwohner drängten dicht an den Bauzaun, um freie Sicht auf Victoria zu haben. Die fünfjährige Alva, die im Kiez zu Hause ist, stand in der ersten Reihe. "Der Engel sieht richtig schön aus", staunte sie. Auch Ilona Weißmann hat diesen Tag lange herbeigesehnt. Sie ist Mitglied des "Kiez-Krähen-Kabaretts", das sich aus Anwohnern des Mehringplatzes zusammensetzt. In ihren Liedern besingen sie auf satirische Weise Ereignisse, Zustände und Perspektiven ihres Kiezes. "Jahrelang haben wir klagend die Abwesenheit des Engels besungen. Das müssen wir ja nun nicht mehr", lacht Ilona Weißmann. Nun habe sie ein Begrüßungslied für Victoria verfasst. "In einer Zeile heißt es: ‚Nun steht die Victoria, schöner als sie jemals war’", verrät die Sängerin.Doch auch abseits von Victoria stand am Dienstag alles im Zeichen des Engels. Der Verein Die Globale beteiligte sich am Fest mit einer Engelbastelstation. Wenige Meter entfernt verwandelte ein Kettensägekünstler einen Baumstamm in einen grazilen Holzengel. Für die musikalische Untermalung sorgten die Kreuzberger Musikalische Aktion e.V. sowie der Kinderchor der Galilei-Grundschule. Und die Kiezkantine kümmerte sich mit Fingerfood um das leibliche Wohl der Anwesenden."Dass die Bewohner so zahlreich erschienen sind zeigt, wie wichtig ihnen ihr Engel ist", meint Heinrich Fust, Platzgärtner des Mehringplatzes. Seit zwei Jahren hegt und pflegt er die Blumenbeete, die die GEWOBAG 2012 gemeinsam mit Anwohnern bepflanzt hat. "Für sie ist die Rückkehr des Engels ein Zeichen, dass es hier vorwärts geht und in den nächsten Jahren noch viel passieren wird, um den Kiez aufzuwerten."Zukunftswerkstatt Mehringplatz: Visionen für den KiezEntstanden ist der Arbeitsplatz von Heinrich Fust durch einen Kooperationsvertrag zwischen dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg, der GEWOBAG und anderen Gebäudeeigentümern am Mehringplatz. Ihr Ziel: Dem Kiez zu seinem früheren Glanz zu verhelfen. Denn einst war er einer der schönsten Plätze Berlins, das herrschaftliche südliche Entrée zur Friedrichstraße. Mit der Zukunftswerkstatt wurde im Mai 2011 eine "Belle Alliance" gegründet. Vereint durch die gemeinsam erarbeitete Vision "Zurück zu einem der schönsten Plätze Berlins" bringen sich zahlreiche Akteure, darunter viele Bewohner, in derzeit fünf Arbeitsgruppen ein: Image, öffentlicher Raum, Gewerbe, Wohnen und Bildung für Kinder und Jugendliche. "Mit Victoria ist nun ein großes Stück des früheren Glanzes an den Mehringplatz zurückgekehrt und der Claim des neu entwickelten Logos "Zum Wohnen schön" Realität.", sagt Kerstin Kirsch.
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